Gedanken zur Zucht   5 comments

Züchten? Züchten! …?

von Sylvia Conrad

„Ich liebe meinen Aussie – Er wäre sicher ein toller Zuchthund“

Diesen Gedanken scheinen in den letzten Monaten sehr viele Aussie-Liebhaber zu haben. Im Rahmen des Aussie Booms der letzten Jahre sind die damaligen Welpen mittlerweile fast 2 Jahre alt und man merkt was für großartige Hunde sie geworden sind. Der Aussie, den man so liebevoll und bemüht aufgezogen hat, ist ein absolut netter Weggefährte geworden – er ist nett zu den Mitmenschen, freudig beim Lernen und hat sich zu einem wunderschönen jungen Hund entwickelt. Sprich – er ist DER perfekte Begleiter fürs Leben.

In vielen Menschen wächst nun der Gedanke, dass es ja eigentlich wirklich super wäre, wenn ihr Hund seine guten Gene weitergibt. Schließlich war er immer gesund (bis auf eine kleine Magenverstimmung als Welpe, weil mal wieder alles in die Schnauze genommen werden musste) und entspricht absolut dem, was der Besitzer sich immer von seinem Hund gewünscht hat.

Da man natürlich nur eine seriöse Zucht betreiben will, macht man sich die Mühe und informiert sich über die verschiedenen Vereine, wird Mitglied in dem Klub seiner Wahl und unterzieht sich allen Anforderungen die eine Zucht so mit sich bringt. Jetzt ist man oder auch frau also Neuzüchter. Da man natürlich noch nicht so viel Wissen hat, wendet man sich wohl an den Züchter seines Hundes, um vom Wissen dessen zu profitieren und mehr zu lernen. Weiterhin wird sich Unterstützung in den Foren gesucht. Schließlich will man alles richtig machen!

Mittlerweile ist der 4-beinige Liebling schon 2 Jahre alt geworden. Genau das richtige Alter um alle Untersuchungen zu machen, die notwendig sind. Man bibbert beim Tierarzt während des Röntgens, investiert viel Zeit (und Geld), um Gentests und Augenuntersuchungen zu bestreiten. Letztendlich sind endlich alle Befunde eingetroffen und *jippieh* alle Ergebnisse sind hocherfreulich. Nun kann es also wirklich losgehen – der richtige Partner muss gefunden werden.

Wie sich herausstellt ist diese Suche nicht leicht. Bei so vielen Linien verliert man als Einsteiger leicht den Überblick. Daher geht man den Weg zum Züchter des Vertrauens. Dieser wird sich im besten Fall das Pedigree des Hundes greifen und auf einen bewährten Rüden verweisen. Bei diesem weiß man ja, was er vererbt. Der Neuzüchter ist erleichtert, dass er doch noch einen guten Rüden gefunden hat – und zum Glück kann man sich ja auch noch die Nachzucht des Rüden anschauen. Klasse! So ist der Weg zum ersten Wurf begangen und das Welpenglück lässt sich kaum noch erwarten.

è So (oder so ähnlich) entstanden in den letzten Monaten viele neue Zuchtstätten. Alle mit dem Bestreben mit ihrem Hund einige tolle kleine Welpen an den richtigen Besitzer zu vermitteln und somit diese glücklich zu machen.

Ich möchte hier allerdings einen kritischen Standpunkt zu diesem Verlauf vertreten.

Meine Frage die sich mir in letzter Zeit mindestens einmal in der Woche stellt ist: Muss denn jeder züchten?

Es ist meiner Meinung nach absolut normal, dass jeder Hundebesitzer seinen Hund für etwas ganz Besonderes hält und meint, dass er wunderschön wäre. Das ist auch absolut richtig! Im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre.

Allerdings macht einen netten Liebhaberhund das noch lange nicht zum Zuchthund. Für eine Zucht sind objektive Maßstäbe von Nöten. Ein Zuchthund muss nochmal VIEL höhere Anforderungen bestehen als ein Liebhabertier.

Fangen wir also an: Ein Zuchthund sollte von der Abstammung das höchste Maß an Erbgesundheit in den Linien haben, dass im Zusammenspiel mit den restlichen Faktoren möglich ist. Das bedeutet, dass schon der Züchter des potentiellen Zuchttieres darauf geachtet haben muss, gesunde Tiere mit möglichst wenig Risiko verpaart zu haben. Und hier spreche ich nicht vom Risiko auf HD oder MDR1!

Zu den Faktoren die eine bestimmte Anpaarung bestimmen gehören neben den gesundheitlichen Risiken wie: Epilepsievorkommen im horizontalen sowie vertikalen Pedigree, Katarakt, PRA, CEA, HD, ED, Herzprobleme, Schilddrüsenauffälligkeiten, Allergien auch Wesensmerkmale die über Generationen vererbt werden. Und diese Vererbung von charakterlichen Merkmalen ist nur normal, da so gewisse Arbeitseigenschaften in den Rassen ursprünglich herausgebildet wurden. Daher kann man also sagen – der Grundstein für einen Zuchthund wird in der Verpaarung der Eltern gelegt.

Geht man jetzt davon aus, dass diese Verpaarung wirklich gut ist und auch von gesundheitlichen Problemen grundsätzlich nicht auszugehen ist, wird der Züchter die Welpen mit spätestens 8 Wochen genauestens auswerten. Hier sollte er auf seine Erfahrung mit der Entwicklung von Hunden arbeiten können. Geachtet wird vor allem auf das bisherige Verhalten im Rudelverbund – ist der kleine mutig oder scheu, wie reagiert er bei lauten Geräuschen oder auf fremde Menschen, etc – und die Entwicklung des Gebäudes. Nun wird je nach Zuchtziel auf die gewünschten Eigenschaften selektiert und übrig bleiben zumeist maximal 2-3 Welpen in einem Wurf die das Potential haben, später dem erhofften Ziel zu entsprechen. Daher werden diese Welpen – und eigentlich nur diese Welpen – als „breed/show prospect“ (Zucht-/Showpotential) in Kennerhand gegeben. Das bedeutet, dass diese Nachzucht mal zur Verbesserung der Rasse oder dem Erreichen des jeweiligen Zuchtziels zugute kommen kann. Die restlichen Welpen – natürlich auch alle herzallerliebst – werden in Liebhaberhände als „pet / perfomance prospect“ gegeben.

Hat man sich nun als „einfacher Welpenkäufer“ in einen dieser herzallerliebsten Welpen verliebt nimmt man diese mit und zieht ihn auf. Nun kommt der oben beschriebene Punkt – der Hund hat sich toll entwickelt und könnte doch ein wunderbarer Zuchthund werden. Aber Stopp! Dieser Hund wurde als Liebhabertier abgegeben und man sollte sich jetzt die Frage stellen: Warum?

Ein guter Züchter hat sich – wie oben beschrieben – sehr viel Mühe mit der Auswahl der Hunde gemacht und nicht ohne Grund manche Welpen als „normale“ abgegeben. Daher wäre sicher der erste Weg zum Züchter der richtige. Dort kann man seinen Hund nochmals auswerten lassen. Allerdings gebe ich hierbei zu bedenken, dass einige Züchter einfach sentimental werden bei dem Anblick der Nachzucht. Jeder Hund hat seinen Reiz und es gibt sicher auch Hunde, die „Grenzfälle“ sind. Daher sollte man auf jeden Fall mindestens einen weiteren erfahrenen Züchter zu Rate ziehen.

Desweiteren muss unbedingt ein OBJEKTIVES Auge auf den Charakter gelegt werden. Immer mehr Aussies sind in letzter Zeit zu ängstlich, sensibel oder gar aggressiv. Das darf nicht sein! Diese Hunde sollen Rinder hüten und dementsprechend ein stabiles Nervenkostüm haben. Daher hilft es nichts, wenn man selbst gut damit umgehen kann, dass das Herzchen „eben andere Menschen nicht mag“ (objektiv aggressives Verhalten ggü Menschen) oder „bei neuen Situationen erstmal schauen muss“ (panische Reaktionen bei unerwarteten Gegebenheiten).

Alles in allem möchte ich damit sagen: Die Auswahl der Tiere die in die Zucht kommen MUSS wesentlich kritischer vorgenommen werden.

Es sollte kritisch hinterfragt werden


  • Ist mein Hund der beste aus der Verpaarung der Elterntiere (Gesundheit, Wesen, Gebäude)


  • Erbringt der Hund in dem Gebiet auf das er selektiert wurde die erwartete Leistung


  • Sind die Wesensmerkmale rassetypisch und umweltverträglich sowie zeitgemäß


  • Hat mein Hund das Potential die Rasse in Verbindung mit dem Zuchtziel zu Verbessern

Ein weiterer Punkt – der aber scheinbar nicht nur die sogenannten „Neuzüchter“ betrifft – ist, dass nunmehr vermehrt auf „bewährte Rüden“ zurückgegriffen wird. Weniger nett ausgedrückt ist damit gemeint, dass immer und immer wieder die gleichen Rüden auf unterschiedlichste Pedigrees angepaart werden – scheinbar passen diese Rüden zu allen Abstammungen. Geht man selbst davon aus, dass dies der Fall ist, dann erschließt sich mir nicht der Sinn ein Pedigree in solch einem Maß zu verbreiten, wie es aktuell mit manchen passiert. Natürlich werden die positiven Eigenschaften des Rüden weitergegeben, aber versteckt meist, auch die schlechten. (Hierzu empfehle ich diesen Artikel: Popular Sires.) Desweiteren wird somit nicht nur der Genpool geschmälert (was weniger schlimm ist, denn es gibt genug Aussies), sondern eine Weiterentwicklung der Rasse wird einfach nicht geschehen (was definitiv nicht gut ist). Daher sollte sich überlegt werden, ob man nun den 30. Wurf dieses Rüden mit seiner Hündin planen will oder möglicherweise (wenn einem das Pedigree SO gut gefällt) nicht doch einen Sohn / eine „Weiterentwicklung“ nutzen möchte. – Sicherlich ist es gut, wenn man sich Nachzuchten eines Rüden ansehen kann, man sieht Schwächen und Stärken der Vererbung, allerdings verstehe ich nicht, was die 100. Nachzucht eines Rüden dann noch mit dem Zweck einer Zucht zu tun hat.

Ich möchte diesen Text als Appell verstanden haben, dass die Zucht einer Rasse nicht nur mit durchschnittlich guten Vertretern bestritten werden sollte.

Es ist nicht der Fall, dass der Genpool beim Aussie zu klein ist, dass es zu wenig GUTE Hunde gibt. Der Australian Shepherd ist nicht vom Aussterben bedroht.

Daher kann man getrost nur mit den BESTEN der Besten züchten, um die Rasse in all ihrer Vielfalt zu fördern und weiterzuentwickeln.

Veröffentlicht 20. April 2009 von Sylvi

5 Antworten zu “Gedanken zur Zucht

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  1. Hallo,

    ich finde du hast völlig recht. Ich erlebe das bei jeder Ausstellung mit. Ein Netter Hund ist noch lang kein Hund für die Zucht!!! Aussies sind, wie du richtig sagst, nicht vom Aussterben bedroht und deswegen sollte man sich eher auf die genaue Verbesserung der Linien und Zucht kümmern, statt einfach nur nette Hunde zu vermehren….Denn langsam gibt es viel mehr Aussiekenner und diese wollen dann auch einen „guten“ Aussie, sprich nicht irgendeine nachzucht. Ich züchte, bzw lasse meinen Rüden noch nicht Decken weil ich sehen will wie er sich entwickelt. Klar, ich finde ihn, genauso wie meine Hündin, wunderschön, aber mit der zeit habe ich gelernt ein kritisches auge zu bekommen. Und ich werde meinen Rüden NIE irgendwelche Hündinnen decken lassen.

    LG laura, Leon (Energie´s Magican of Austria) und Mocca (Energie´s Magic Coconut)

  2. Hi,

    ich habe gerade deinen Text gelesen und muss sagen du hast es auf den Punkt getroffen. Da mich das Thema Zucht persönlich auch sehr interessiert bin ich viel am suchen und nachlesen. (Vielleicht wenn in vielen Jahren alles passt werde ich vielleicht damit beginnen, aber das soll gut überlegt sein.)
    Und was ich so auf den Seiten von manchen Züchtern finde ist echt erschreckend… Dieses Problem mit den beliebten Rüden finde ich auch sehr bedenklich.
    Wie du ja richtigerweise erwähnst ist der Aussie nicht vom Aussterben bedroht und gerade deswegen finde ich es sehr schade, dass manche Züchter 4 und mehr Würfe im Jahr haben mit immer wieder den gleichen Verpaarungen. Ich finde sowas jedoch echt unnötig.

    Dein Text hat mir wirklich sehr gut gefallen und ist ein sehr guter Denkanstoß.

    LG Julia & Stone Ranch Chilli

  3. Huhu,
    ich bin begeistert, du hast es geschafft meine Gedanken in Worte zu fassen! Ich sehe die Entwicklung in der Aussieszene auch als sehr bedenklich, „Neuzüchter“ schießen wie Pilze aus dem Boden und als Welpeninteressent fällt es immer schwerer, sich durch den Dschungel zum „guten“ Züchter durchzukämpfen. Auch ich habe mit dem Gedanken gespielt meinen noch jungen Rüden später in die Zucht zu nehmen, habe mich nun aber dagegen entschieden, da ich mir selbst eingestehen musste, dass er die Kriterien für einen Zuchtrüden nicht erfüllt. Natürlich war es hart, da man seinen eigenen Hund ja immer toll findet, doch ich denke Zuchthunde sollen die Rasse bereichern und voranbringen und in diese Kategorie fallen, wie du schon gesagt hast, sehr wenige! Ich finde es auch furchtbar wenn in den Pedigrees der verschiedensten Hunde immer wieder die gleichen Rüden auftauchen und auf alle Hündinnen passen sie natürlich hervorragend????????
    Wie gesagt, ich vertrete deine Meinung voll und ganz und freue mich, dass du es so öffentlich machst! Daumen hoch!!!
    LG Kathy und Flake

  4. Hi,
    du hast es super auf den Punkt gebracht. Gerade traf ich wieder (leider „wieder“) eine Frau, die begeistert die Eltern ihres Aussies beschrieb mit „Die sind auch beide so schön bunt!“. Nach einem tiefen Durchatmen musste ich erstmal missionieren. Diese Individuen sind natürlich die Spitze des Eisbergs aller gut gewillten, aber nichts wissenden „Züchter“.
    Du schreibst dankenswerterweise über all die vielen Dinge, die ein guter Züchter weiß und mit denen er sich beschäftigen sollte. Darum weiß ich, dass ich für meine Person mir das niemals zutrauen würde und freue mich lieber über die wunderschönen Ergebnisse guter Zuchtstätten.

    Viele Grüße
    Gina mit Ruby

  5. Super schöner Text dem nichts mehr hinzu zu fügen ist.

    Wenn nur alle Leute so denken würden. *schnief*

    LG Caro und Peanut (Energies Black History Peanut)

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